Meine jungen Jahre
1938 – 1944: Vor meiner Zeit
Um meine Memoiren und meinen Werdegang zu verstehen, muss ich etwas weiter ausholen, indem ich zuerst über das Leben meiner Vorfahren erzähle und Zeitsprünge mache.
Mit Ausnahme meiner Grossmutter (Grosi genannt) mütterlicherseits sind alle Grosseltern vor meiner Zeit gestorben. Vom Vater hatte ich wenig von früher erfahren, da ich bis zu meiner Ausreise nur Angst vor ihm hatte. Mein um 4,5 Jahre jüngerer Bruder hatte ein lockeres Verhältnis, er hat die strenge Zeit nicht erlebt. Er wurde nicht mehr auf den nackten Hintern versohlt mit Lederriemen. Das gibt aber den falschen Eindruck über meinen Vater. Er war nicht gewalttätig sondern mit der Situation überfordert. Er hatte keine Zeit für Psychologie, denn meine Eltern kämpften ums Überleben. Nicht selten erhielt ich Prügel im Auftrag meiner Mutter. Meine Mutter wusste mehr über die Verwandtschaft zu berichten, auch über jene meines Vaters. Sie starb aber schon im Alter von 60 Jahren an Krebs. Mich beeindruckt, dass Jahrzehnte früher eine Hellseherin aus Berlin den schlimmen Tod voraussah. Sie war zur Erholung in der Schweiz.

Mein Urgrossvater
Mein Urgrossvater väterlicherseits (1843 – 1905) hatte eine zarte, hochgebildete Frau aus Risch geheiratet. Allein schon die Portraits Ölgemälde der beiden spricht Bände. Die hohe Bildung seiner Frau zeigt sich an den Bestnoten ihres Sohnes, meinem Grossvater (1878). Damals wurden die Schulnoten öffentlich publiziert. Mit 12 Jahren verlor mein Grossvater seine Mutter Josefa. Nach diesem Schicksalsschlag war nur noch harte Arbeit gefragt. Das hat ihn zu einem krankhaften und weltfremden Verhalten gebracht – zum fatalen Nachteil für meinen Vater. Mein Grossvater hatte nur eine Schwester (1877).

Josefa Stocklin-Meier aus Risch: meine Urgrossmutter

Diese Skizze hatte vermutlich mein Grossvater erstellt vom alten Haus, wo der Urgrossvater aufwuchs. Siehe auch das Foto in meinem Ahnenbuch Seite 18 und 19.
Dieses Haus wurde 1944 abgerissen. Mein Vater (1908) hatte nur kurz darin gewohnt, denn 1911 wurde das neue Haus an der Gimenen 16 gebaut. Wir hatten es immer mit zwei m geschrieben, obwohl keine Verwechslung zu irgendwo bestand.
Im Orts- und Fremdenblatt vom 4.Mai 1941 erschien folgender Artikel mit der Überschrift: Letztes Jahr ist wieder ein Stück „Alt Oberwil“ verschwunden:
Das „Stocklihuus“ südlich der Meisenburg an der Gimmenen wurde, weil baufällig, abgetragen. Es dürfte sich hier um eines der ältesten Häuser in unserer Nachbarschaft handeln, das in seiner behäbigen Breite und mit seinen Klebdächern sich freundlich in die schöne landschaftliche Umgebung einfügte.
Anno 1515 war ein Rudolph Spillmann Besitzer der einen Hälfte. Im Jahre 1702 besass Karl Jos. Stadlin den nördlichen und Georg Stadlin, Obervogt, den südlichen Hausteil. Anno 1911 ist das „Stocklihuus“ mit etwas Umschwung, der früher Weinrebenland war, in den Besitz der Geschwister von Meiss auf Meisenburg und 1926 an das Institut Menzingen übergegangen
Während dem Bau der Meisenburg, resp. vom Mai 1870 bis anfangs Januar 1874 wurde im „Stocklihuus“ eine Wirtschaft betrieben. Wenn dann die Steinhauergilde Zahltag hatte, ging es manchmal etwas strub zu und her. In der höchsten Not erschien aber jeweilen der riesenstarke „Stocklise=ibi“ als Retter auf dem Kampfplatz und beförderte mit seinen langen Armen und mit Händen so gross wie ein Taussendeckel, die unruhigen Elemente auf dem direktesten Wege an die Luft.
Vom 2. bis 13. Sept. 1940 wurde das alte Haus, das im Laufe der Jahrhunderte von vielen ehrsamen „Nachbarn“ bewohnt war, dem Erdboden gleich gemacht und die von der untergehenden Sonne so oft mit Feuer und Gold erfüllten Fenster werden beim „Zunachten“ nicht mehr über den See zünden und leuchten wie dies wohl seit einem halben Jahrtausend der Fall war.
Zum obigen Artikel muss bemerkt werden, dass das Haus keinen Kamin hatte, sondern am offenen Feuer gekocht wurde und so der Rauch sich im Haus verteilte, was dafür sorgte, dass das Gebälk nicht nur frei von Holzwürmern war; selbst das Niederreissen des Gebäudes war schwieriger als erwartet, weil das Holz glasig hart geworden war. Der Artikel schreibt zudem meinem Urgrossvater mehr Körperlänge zu, als er wirklich hatte. Aus den Militärbüchlein hervorgeht, dass meine Vorväter kleiner waren.

Taschenuhr beim Flobertschiessen

Urgrossvater erfüllte seine Schiesspflicht 1881 bis 1883 und WK 1884. Ob er 1891, damals 48-jährig an der „Zentenaarfiir“ selbst die Taschenuhr gewann am Flobertschiessen weiss ich nicht. Grossvater bezahlte 21 Jahre Ersatz seit 1898. Vater hat HD-Einträge 1927, 1939 und 1952 (alle in Zug), zahlte Ersatz seit 1928 bis 1956. Ich selbst hatte unter grossem Verzicht in Canada Militärersatz bezahlt. Das Geld aber nie zurückerhalten, obwohl ich alles nachdiente bis ins Alter 34.
Mein Urgrossvater und Grossvater hatten die Schuhgrösse 50. Das waren seine Holz-Sandalen.

Mein Grossvater (1878) heiratete wohl die dümmste Frau und gönnte meinem Vater zu wenig Schlaf. Für ihn galt die Devise „wer mehr als 4 Stunden schläft, rentiert nicht“. Effizienz wäre m. E. sinnvoller gewesen. Das hatte letztlich zur Folge, dass mein Vater (1908) aus Erschöpfung oft in der Schule einschlief. Lehrer Schönenberger konnte ohnehin wenig bieten, da er mit seiner Klasse öfters ein Ständchen bot und dafür Geistiges erntete. Der absolute Gipfel vom Schicksal war die Tatsache, dass mein Grossvater (1878) meinem Vater nicht erlaubte, einen Beruf zu erlernen mit dem Argument „Du erbst schliesslich den Hof“. Genau das aber wurde vom Schicksal verhindert und brachte all die grosse Not über unsere Familie.
Die Hölle auf Erden
Die dümmste Grossmutter (1893) setzte sich u. a. durch, dass das Heimet 1944 an Heinrich Gyr verschleudert wurde, um den zwei viel jüngeren Schwestern meines Vaters je einen Drittel auszahlen zu können. Die Bank hatte ihren Teil beigetragen, indem sie den Kredit verweigerte. Die richtige Lösung wäre gewesen, dass mein Vater den Hof hätte behalten können und seinen zwei Schwestern den Zins bezahlen. Aus dem Verkaufserlös erhielten Vaters Schwestern Gülten auf Bergbauernbetrieben, welche zum Teil den Zins schuldig blieben. Eine Schwester löste also diese Gült. Was heute nicht mehr vorstellbar ist, dass diese Schwestern nicht allein über ihr Erbe verfügen durften, sondern die Ehemänner das sagen hatten mit ihrer Unterschrift bei der Erbteilung. Zu denken gibt mir die Tatsache, dass auf dem Verkaufsdokument eine Gebühr zum Schutze der Bauern zu finden ist.
Meine Eltern waren nur noch als Pächter geduldet
Hölle eins war nun die Tatsache, dass meine Eltern nicht wussten, wann sie den Hof verlassen mussten und kauften mit dem mageren Erbteil den steilen Hof über dem Hörnli Walchwil.
Hölle zwei folgte, als Heinrich Gyr starb und wir zu einem hohen Zins bleiben durften, jedoch zusätzlich den Pachtzins für den zweiten Hof im Hörnli finanzieren mussten (riesige Reparaturkosten). Jener Hof wurde einem Bruder meiner Mutter verpachtet. Dieser konnte aber wegen der vielen Kinder die Kosten nicht tragen. Aufgekündigt konnte dieser nicht werden wegen meinem Grosi (Rust-Suter). Dass es uns das Genick brach wollte sie nicht wahrhaben.